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Dienstag, 19. Mai 2009

Therapie als Erfolgsmodell (?)

Eva Illouz
Die Errettung der modernen Seele - Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe
Suhrkamp 2009, Aus dem Englischen von Michael Adrian, 412 S., geb., ISBN: 978-3-518-58520-7, D: 26,80 €, A: 27,60 €, CH: 45,30 sFr
Wir leben in einer durchpsychologisierten Gesellschaft. Selbsthilfegruppen schießen wie Pilze aus dem Boden, Beziehungsratgeber erzielen gigantische Auflagen und die Einschaltquoten von Serien wie Die Sopranos oder Pseudo-Dokus wie Zwei bei Kallwass lassen die Herzen der Programmacher höher schlagen. Was früher verschämt verschwiegen wurde, gehört in westlichen Gesellschaften heute zum festen Repertoire einer aufgeklärt-bürgerlichen Mittelschicht: der Gang zum Therapeuten. Ehekrisen löst man nicht mehr in den eigenen vier Wänden, sondern in der Praxis eines Paartherapeuten, Spezialpsychiater für Milliardäre helfen bei der seelischen Bewältigung großer Vermögen und jeder Spitzensportler, der etwas auf sich hält, hat einen Psychologen an seiner Seite.
In ihrem neuen Buch untersucht die israelische Soziologin Eva Illouz, wie sich der therapeutischen Diskurs auf unser kulturelles und emotionales Leben auswirkt. Sie zeichnet den Siegeszug der Psychoanalyse in den USA nach, der 1909 mit Freuds Amerikareise begann und über die kulturellen Eliten rasch zur festen Verankerung psychologischer Denkmuster zunächst in der amerikanischen Kultur führte. Anhand zahlreicher empirischer Beispiele und mit den scharfen Instrumenten einer kritischen soziologischen Theorie seziert sie die Facetten und Funktionsweisen eines Diskurses, der die Vorstellungen von der Identität des modernen Subjekts tiefgreifend verändert. Therapien und die Kultur der Selbsthilfe, so eines ihrer Ergebnisse, verändern den emotionalen Stil einer Gesellschaft und machen das Leben nicht leichter, sondern im Gegenteil komplizierter.
Rezension dradio kultur (Auszug): " ... Eva Illouz fasst den Begriff "Therapie" in einem weiten soziologischen Sinn auf. Sie versteht darunter nicht nur die konkrete Situation beim professionellen Psychotherapeuten, sondern die Summe der ratgeberhaften und emotionsorientierten Gegenwartskultur - von Weight Watchers über begleitetes Ehegespräch bis zum Psycho-Coaching der Fußballnationalmannschaft. Sie polemisiert nicht, aber sie macht mit Dringlichkeit klar, wie sehr der moderne Mensch im Wissen über sich selbst Halt findet und wie instabil dieser Halt unter Umständen sein kann(!!! Ralf).
"Die Errettung der modernen Seele" ist ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch, verfasst mit soziologischem Vokabular, aber dank seiner Anschaulichkeit und seiner Fülle an konkretem Material auch für den nichtsoziologischen, interessierten Leser verstehbar ... " - Zur Rezension

Freitag, 20. Februar 2009

Perfide Pharmawerbung in Blogs und Foren

"Die Initiative Nachrichtenaufklärung wurde im Mai 1997 von Professor Peter Ludes in Siegen gegründet. Zu dem Gründerteam und zu der ersten Jury gehörten Imme de Haen, Ingrid Kolb, Professor Ulrich Saxer, Georg Schütte und Dr. Hermann Meyn. Ziel der Initiative Nachrichtenaufklärung ist es, wichtige Nachrichten und Themen (hauptsächlich aus dem deutschsprachigen Raum), die in den Medien nicht genügend berücksichtigt wurden, stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen ..."

Eines dieser 2008 in den Medien nicht genügend berücksichtigten Themen bezieht sich auf die Unterwanderung von Patientenblogs und -foren durch die Pharmaindistrie: "PR-Mitarbeiter melden sich dort als Betroffene an und berichten von ihren guten Erfahrungen mit den Medikamenten ihrer Auftraggeber. Für echte Patienten ist dies nicht transparent. Obwohl das Sponsoring von Selbsthilfegruppen vor einigen Jahren Medienthema war, wird diese neue Dimension von schmutzigem Marketing nicht thematisiert." Mehr dazu auf 'Nachrichtenaufklärung'

Mittwoch, 3. September 2008

Arzthaftung

Annegret Markendorf
Opfer eines Arztes
- Ein unterstützender Ratgeber vor und während einer Arzthaftungsklage

Papierfresserchens MTM-Verlag 2008, 131 S. mit zahlreichen Dokumenten, ISBN: 978-3-940367-20-4, 11,90 Euro
Was kann man tun, wenn ein Arzt bei einer Operation große Fehler gemacht hat? Unter den Folgen einer OP hat die Autorin noch heute zu leiden - und einen Ratgeber für alle Betroffenen geschrieben.
Aus dem Inhaltsverzeichnis: Mein Unheil beginnt: Krebsvorsorge - Die Aufklärung vor meiner Operation - Meine Operation und die großen Ängste - Der Tag nach dem verheerenden Eingriff - „Alles in Ordnung, es sieht doch gut aus..." - Recherchen, weitere OPs und viele Fragen ... Die Autorin des Buches und Gründerin der „Selbsthilfegruppe Medizingeschädigter“ hatte vor einiger Zeit selbst einen Arzthaftungsprozess geführt, welchen sie trotz drei negativen Gutachten gewann ... Einen Teil der Einnahmen ihres Buches "Opfer eines Arztes" spendet die Autorin an soziale Projekte und hofft damit, Menschen behilflich sein zu können - Webseiten zum Buch

Donnerstag, 21. August 2008

Psychisch krank sein heißt nicht ohnmächtig bleiben

Rosa Geislinger
Experten in eigener Sache
- Psychiatrie, Selbsthilfe und Modelle der Teilhabe

Vorwort von Heiner Keupp, Zenit Verlag, 252 S., ISBN 978-3-928316-10-1, EUR 12,50 [D]
"Psychisch krank sein heißt nicht ohnmächtig bleiben." Unter diesem Motto behandelt das Buch die folgenden drei Themenbereiche:
– Selbsthilfegruppen: In den letzten Jahren sind zahllose Selbsthilfegruppen von Psychiatrie-Erfahrenen entstanden. Psychiatrie-Erfahrene haben entdeckt, dass sie sich durch Erfahrungsaustausch und praktische Solidarität gegenseitig stärken und stabilisieren können – und dass sie Fähigkeiten und Kompetenzen haben, die ihnen von den Professionellen früher überhaupt nicht zugetraut wurden.
– Gemeinsame Projekte von psychisch Kranken und Profis: Es sind viele Projekte entstanden, bei denen Psychiatrie-Erfahrene und professionelle Helfer gemeinsam die Verantwortung tragen: Werkstätten, Teestuben, Clubhäuser etc.
– Psychose-Seminare: Außerdem entwickelten sich – als Forum des gleichberechtigten Erfahrungsaustauschs von Betroffenen, Angehörigen und Profis – die sogenannten Psychose-Seminare.
Die Herausgeberin, Rosa Geislinger, war im Bereich Selbsthilfe über viele Jahre als Psychologin tätig. Sie hat die Erfahrungen von Betroffenen, Angehörigen und professionellen Helfern zusammengestellt. Das Ergebnis ist ein Buch, das Selbsthilfe aus den unterschiedlichen Blickwinkeln dieser drei Gruppen darstellt und das von Menschen in ähnlicher Situation als Anregung und Ratgeber genutzt werden kann.
Inhalt: Rosa Geislinger: Zu diesem Buch / Heiner Keupp: Von der „fürsorglichen Belagerung“ - zur „eigenen Stimme“ der Betroffenen / Rosa Geislinger: Einige Aspekte der Arbeit
Die Selbsthilfegruppen und Betroffenen-Organisationen: Renate Blasig: Wache Augen und ein offenes Herz – Wie alles begann / Martin Becker / Dieter Broll: Die Gemeinschaft brauchen wir alle – Zwei Selbsthilfegruppen von Manisch-Depressiven / Angela Broll: Gemeinsam Wege finden – Die Selbsthilfegruppe Vertrauenspersonen / Brigitte Weiß: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott – Selbsthilfegruppe: Stammtisch für Leute mit psychischen Problemen / Gottfried Wörishofer: Will das Mündel jetzt Vormund sein? – Die Münchner Psychiatrie-Erfahrenen e. V
Margit Kaub: Einigkeit macht stark – Die Aktionsgemeinschaft der Angehörigen / Maria Mutig: Vorurteile abbauen – Die Angehörigengruppe Josephsburg
Partizipative und emanzipatorische Ansätze: Andreas Knuf: Gemeinsame Sache machen – Die Teestube KontakTee / Christine Block / Vera Hahn: “Ich fühle mich hier akzeptiert und angenommen” – Das Clubhaus Schwalbennest / Rita Rinke: Ein Freiraum für Frauen –Die Tagesstätte EigenSinn / Heinrich Berger: Annäherung an das Ungewöhnliche – Das Münchener Psychose-Seminar / Ulrich Seibert: Vom Trialog zurück zum Dialog – Ein Psychose-Seminar mit Psychiatrie-Erfahrenen und ihren Vertrauenspersonen
Theoretische Aspekte: Dorothea Buck: Elemente der Selbsthilfe – Selbsthilfe als Selbstverständnis, als Erfahrungs-Austausch, als Selbsthilfe-Organisation / Ulrich Seibert: Unterstützungspotentiale in Selbsthilfegruppen von Psychiatrie-Erfahrenen / Wolfgang Stark: Empowerment – Mobilisierung eigener Kräfte / Manfred Zaumseil: Psychoseseminare – ein Puzzle theoretischer Bausteine
Nachwort: Gisela Werner: Selbsthilfe und Psychiatrie in der solidarischen Bürgergesellschaft
Anhang: Harmut Korn: Unbehagen an der Psychiatrie / Gottfried Wörishofer: Was heißt Menschlichkeit in der Psychiatrie? / Matthias Seibt: Die Irren-Offensive Ruhrgebiet / Brigitte Weiß: Ein persönliches Krisenkonzept / Rudolf Winzen: Juristische Vorsorge – Auch für Krisenzeiten die Selbstbestimmung sichern
Autorinnen und Autoren / Nützliche Adressen - Leseprobe (pdf)

Donnerstag, 13. März 2008

Wie uns die Pharmaindustrie manipuliert

Direktmarketing am Patienten - Wie uns die Pharmaindustrie manipuliert
Moderator Ingolf Baur
Lange Zeit haben Pharmaunternehmen vor allem Ärzte und medizinische Meinungsführer umgarnt, diese zu Kongressen eingeladen, ihnen Abendessen bezahlt und sie großzügig mit Geschenken bedacht.
Nun haben die Arzneimittelhersteller das Direktmarketing am Endverbraucher entdeckt. Sie sponsern Selbsthilfegruppen, richten ihnen eigene Homepages ein und beauftragen PR-Agenturen, um den direkten Kontakt zum Patienten herstellen zu können. Der Aufwand lohnt sich, denn wenn Patienten erst einmal von ihrer Selbsthilfe-Organisation von einem Medikament überzeugt wurden, fordern sie es meistens von ihren Ärzten und die Umsätze der betreffenden Unternehmen gehen nach oben.
(Die SWR-Sendung) Odysso (am 13.3.08) zeigte, wie die Arzneimittelhersteller Patienten manipulieren und die Selbsthilfegruppen dabei ihre Glaubwürdigkeit verspielen. - Ausführliche Info dazu (pdf)

Weiterführende Informationen in Zettmanns Weblog:
Was kostet es, Medikamente zu vermarkten?